Jene Nacht in Marmaris: Mehmet Çetin

Vergleich des Obduktionsberichts Mehmet Çetins mit der an seiner Kleidung durchgeführten Untersuchung

Bei dem Vergleich, den ich im vorigen Kapitel zu dem Geschoss angestellt habe — das laut der kriminaltechnischen Untersuchung aus der Waffe Şükrü Seymens abgefeuert worden sein soll und das laut Obduktionsbericht Mehmet Çetins linkes Knie getroffen haben soll —, hat sich gezeigt, dass in den übrigen amtlichen Berichten, in den Videoaufnahmen der Leichenschau und in den Aussagen der Personenschützer, die angaben, Mehmet Çetin verwundet gefunden zu haben, am linken Knie Mehmet Çetins keine Geschosswunde vorhanden war. Mit dem Obduktionsbericht wurde aus einer nicht existierenden Wunde ein Geschosskernfragment entnommen, und unter der Behauptung, es sei aus der Waffe Şükrü Seymens abgefeuert worden, wurden die Angeklagten mit der Begründung verurteilt, sie hätten Mehmet Çetin getötet.

Im Obduktionsbericht werden die Geschosse, die den Körper Mehmet Çetins trafen, zusammengefasst wie folgt beschriebenObduktionsbericht Mehmet Çetin (Muğla Adli Tıp Şube Müdürlüğü, 03.08.2016, AT: 2016-1238): Obduktionsbericht Mehmet Çetins.:

  1. Geschoss: Trat außen in den linken Arm ein und innen aus dem linken Arm wieder aus, drang dann durch die Achselhöhle ein und trat an der rechten Seite des Rückens aus.
  2. Geschoss: Trat seitlich an der linken Seite der Lende ein und hinten wieder aus.
  3. Geschoss: Trat innen in das rechte Bein ein und vorn wieder aus.
  4. Geschoss: Trat oberhalb des linken Knies ein und blieb im Körper.

Wie ich bereits dargelegt habe, fehlt das 4. Geschoss in den übrigen Berichten, auf den Fotografien und in den Videoaufnahmen.

Die Mehmet Çetin abgenommene Kleidung wurde am 22. August 2016 im Kriminallabor İzmir einer chemischen Untersuchung unterzogen, und der erstellte Bericht wurde an das Gericht gesandtChemisches Untersuchungsgutachten der Kleidung (Mehmet Çetin & Nedip Cengiz Eker; İzmir Kriminal Polis Laboratuvarı, 22.08.2016, IZM-KIM-16-08515-Ek): Sachverständigengutachten über die an der Kleidung von Mehmet Çetin und Nedip Cengiz Eker durchgeführten chemischen Untersuchungen..

Normalerweise müssen die Geschosslöcher in der Kleidung und die Löcher am Körper miteinander übereinstimmen. Sowohl hinsichtlich der Anzahl der Löcher als auch hinsichtlich der Eigenschaft als Ein- oder Ausschussloch sollte eine Übereinstimmung erkennbar sein. Während an der Kleidung an den Einschusslöchern Schmauchspuren zu sehen sein können, finden sie sich an den Ausschusslöchern nicht. Um zu überprüfen, ob im Obduktionsbericht — in dem eine am linken Knie nicht vorhandene Geschosswunde als vorhanden dargestellt wird — die übrigen Angaben zutreffen, vergleichen wir ihn mit der Kleidungsuntersuchung:

Der Kleidungsuntersuchungsbericht enthält unter Nr. 1 die Untersuchungsergebnisse zu Mehmet Çetins Hemd, unter Nr. 2 zu seiner Hose und unter Nr. 9 zu seiner Angriffsweste. Aus diesen Ergebnissen lässt sich sagen, dass

das unter 1-a) genannte Loch von 0,1 cm Durchmesser mit Schmauchspuren ringsum mit dem in der äußeren Untersuchung Nr. 3 und 4 des Obduktionsberichts am linken Arm gelegenen Ein- und Ausschussloch,

die unter 1-b) genannten Löcher von 0,4 und 1 cm Durchmesser mit Schmauchspuren ringsum mit der im letzten Absatz der äußeren Untersuchung des Obduktionsberichts genannten frischen Schürfwunde an der Außenseite des linken Ellbogens,

die unter 1-d), 1-e) und 9-a) genannten Löcher mit den in der äußeren Untersuchung Nr. 1 und 2 des Obduktionsberichts an der linken Seite der Lende gelegenen Ein- und Ausschusslöchern,

die unter 2-a) und 2-b) genannten Löcher mit den in der äußeren Untersuchung Nr. 8 und 9 des Obduktionsberichts am rechten Bein gelegenen Ein- und Ausschusslöchern

übereinstimmen.

Wie ich bereits erwähnt habe, findet sich in der Hose am linken Bein kein Loch, das der äußeren Untersuchung Nr. 7 des Obduktionsberichts — dem linken Knie — entspräche.

In Bezug auf Nr. 5 der äußeren Untersuchung des Obduktionsberichts ist das Geschossloch in der Achselhöhle, das auch auf den Fotografien und Videos deutlich zu sehen ist, im Hemd nicht vorhanden; es ist jedoch möglich, dass dieses Loch nicht festgestellt werden konnte — weil schon das Loch am linken Ärmel des Hemdes nur 0,1 cm Durchmesser hat, dieses Loch also klein ist, und weil das Geschoss in den Arm ein- und wieder austrat und daher ringsum keine Schmauchspuren vorhanden sind.

Schließlich stimmt die Wunde, die in Nr. 6 der äußeren Untersuchung des Obduktionsberichts beschrieben und als Ausschusswunde an der oberen rechten Seite des Rückens geführt wird (laut Obduktionsbericht die Wunde, die das Geschoss verursachte, das außen in den linken Arm eintrat, innen aus dem linken Arm austrat, durch die Achselhöhle eindrang und an der rechten Seite des Rückens austrat), nicht mit dem Kleidungsuntersuchungsbericht überein. Wie unter 1-c) und 9-b) des Kleidungsuntersuchungsberichts angegeben, befinden sich an der rechten Seite des Rückens im Hemd zwei nebeneinanderliegende Löcher von 0,5 und 1 cm Durchmesser und in der Angriffsweste zwei nebeneinanderliegende Löcher von jeweils 0,5 cm Durchmesser, und um die Löcher herum wurden Schmauchspuren festgestellt. In Ausschusslöchern finden sich keine SchmauchspurenDr. Ercüment Aksoy, Dr. Atınç Çoltu, Dr. Beyhan Ege u. a.: „Adli Travmatoloji" [Forensische Traumatologie]. In: Birinci Basamak İçin Adli Tıp [Rechtsmedizin für die Grundversorgung]. Türkische Ärztekammer. https://www.ttb.org.tr/eweb/adli/4.html. Dass gleichwohl sowohl an Mehmet Çetins Angriffsweste als auch an seinem Hemd Schmauchspuren vorhanden sind, zeigt, dass das Geschoss am Rücken nicht aus-, sondern eintrat.

Wenn das Geschoss, das außen in Mehmet Çetins linken Arm eintrat, innen wieder austrat und anschließend durch die Achselhöhle eindrang, nicht an seinem Rücken austrat, dann ist es im Körper geblieben. Und wenn das am Rücken eingetretene Geschoss nicht an der Brust austrat, dann ist es im Körper geblieben. Tatsächlich findet sich weder am Körper noch an der Kleidung im Brustbereich ein Loch. Wenn diese Geschosse im Körper geblieben sind, warum wurde dem nicht nachgegangen?

Betrachtet man das Geschossloch am Rücken aus der Nähe, so zeigt sich, dass die Wundränder nach innen weisen. Zudem sieht es aus, als wäre es durch das Eindringen zweier getrennter Geschosse nebeneinander entstandenDie Fotografie kann zur genaueren Betrachtung unter folgendem Link heruntergeladen werden: Mehmet Çetin — Einschusslöcher am Rücken.

Im Ergebnis wird — obwohl der Obduktionsbericht Mehmet Çetins angibt, dass eines der Geschosse, die den Körper trafen, in den linken Arm und danach durch die Achselhöhle eindrang und am Rücken austrat — aus dem Bericht, der nach der Untersuchung seiner Kleidung im Kriminallabor erstellt wurde, deutlich, dass die am linken Arm und am Rücken festgestellten Löcher Schmauchspuren aufweisen, dass also beide Löcher Einschusslöcher sind, dass sich auf der gegenüberliegenden Seite dieser Löcher zudem kein Ausschussloch findet und dass die Geschosse deshalb im Körper geblieben sind. Kurz gesagt, nach der Kleidungsuntersuchung wurde Mehmet Çetin am linken Arm und am Rücken getroffen, und die Geschosse blieben in seinem Körper. Diese Geschosse wurden jedoch nicht im Zuge der Obduktion aus dem Körper entnommen und zur Untersuchung an die Staatsanwaltschaft gesandt. Wurden die Geschosse etwa deshalb nicht entnommen, weil bei ihrer Entnahme die wahren Mörder Mehmet Çetins ans Licht gekommen wären? Würde der Leichnam des im Dienst getöteten Mehmet Çetin seinem Grab entnommen und durch unabhängige Institutionen erneut untersucht, so könnte dies zur Aufklärung der Wahrheit beitragen.